Neurodermitis-Schub: Basispflege, Cortison und die richtige Reihenfolge
Neurodermitis-Schub: Basispflege läuft dauerhaft, Cortison kommt im Schub dazu – und danach wieder heraus. Diese Reihenfolge ist der Kern der aktuellen S3-Leitlinie zur atopischen Dermatitis. Welche Creme im Intervall, welche im Schub, was die Leitlinie zur Stufentherapie sagt und warum rezeptfreies Hydrocortison bei dieser Erkrankung nur einen engen Platz hat.

Die S3-Leitlinie „Atopische Dermatitis“ trennt zwei Ebenen: die Basistherapie der gestörten Hautbarriere, die dauerhaft läuft, und die antientzündliche Behandlung, die im Schub dazukommt. Beide ersetzen sich nicht gegenseitig – die Basispflege wird auch während einer antientzündlichen Behandlung fortgeführt.
Basispflege: was die Leitlinie konkret sagt
Die Basistherapie ist in der S3-Leitlinie mit starken Empfehlungen belegt. Emollienzien – rückfettende, wirkstofffreie Zubereitungen – sollen bedarfsgerecht und regelmäßig zur Behandlung der gestörten Hautbarriere angewendet werden. Sie sollen unmittelbar nach dem Baden oder Duschen und nach dem Trockentupfen aufgetragen werden.
Für die Auswahl gilt: individuell angepasste Externa, im Sommer eher hydrophilere Cremes, im Winter Zubereitungen mit höherem Fettgehalt. Außerdem sollen schonende Reinigungs- und Badeverfahren zur Anwendung kommen – die Leitlinie hebt das insbesondere für akut entzündete oder superinfizierte Haut hervor –, und Körperpflegeprodukte sollten regelmäßig verwendet werden, die keine relevanten Reizstoffe oder Kontaktallergene enthalten. Die Basistherapie ist damit kein Zusatz zur eigentlichen Behandlung, sondern die Stufe 1 des Stufenschemas, auf der alle weiteren aufbauen.
Zugelassen sind für die topische antientzündliche Behandlung in Europa zwei Substanzgruppen: topische Glukokortikosteroide und topische Calcineurininhibitoren. Beide kommen erst ab Stufe 2 ins Spiel. Was in der Basistherapie geschieht, ist wirkstofffrei – und genau deshalb dauerhaft anwendbar.
Ein Punkt, der im Alltag oft untergeht: die Leitlinie sieht vor, dass Behandelnde wirkstofffreie Therapeutika mit Arzneimittelstatus als Basistherapie bei Kindern bis zum zwölften Lebensjahr verordnen sollen; für die Kostenübernahme gilt eine Ausnahmeregelung für diese Altersgruppe beziehungsweise bei Entwicklungsstörungen bis zum 18. Lebensjahr. Basispflege ist also nicht automatisch gleichbedeutend mit Kosmetik.
Im Schub: antientzündlich behandeln, Basispflege weiterführen
Reicht die Basispflege nicht aus, kommt eine antientzündliche topische Behandlung dazu. Die Leitlinie nennt dafür in der Regel topische Glukokortikosteroide als First-line-Therapie. Bei Unverträglichkeit oder Nichtwirksamkeit und an besonderen Lokalisationen – ausdrücklich genannt sind Gesicht, intertriginöse Hautareale und der Anogenitalbereich – nennt sie topische Calcineurininhibitoren.
Der Juckreiz wird in der Leitlinie eigens als besondere Herausforderung benannt. Die zusätzliche Anwendung antipruriginöser und antiseptischer Wirkstoffe kann erwogen werden – das ist eine offene Empfehlung, kein Automatismus. Was bei Juckreiz sonst noch in Frage kommt, steht im Beitrag zu Juckreiz.
Das Behandlungskonzept soll individuell erstellt werden, unter Berücksichtigung von Lebensalter, Schweregrad, psychosozialer Situation und Triggerfaktoren. Das ist der Grund, warum dieser Artikel keine Stufenempfehlung für Ihren Fall aussprechen kann und auch nicht soll.
Die Stufentherapie: was wann dazukommt
Die Leitlinie ordnet die Behandlung in Stufen, und diese Stufentherapie soll der klinischen Ausprägung angepasst durchgeführt werden – eine konsensbasierte Empfehlung mit 100 Prozent Zustimmung.
Stufe 1 ist die topische Basistherapie bei trockener Haut, zusammen mit der Vermeidung oder Reduktion von Triggerfaktoren. Bei leichten Ekzemen kommen in Stufe 2 niedriger potente topische Glukokortikosteroide und/oder topische Calcineurininhibitoren hinzu, in Stufe 3 höher potente. Für die topische antientzündliche Therapie sind in Europa genau diese beiden Substanzgruppen zugelassen.
Ein Punkt daraus ist im Alltag besonders relevant: topische Calcineurininhibitoren sollen bei Nichtansprechen oder bei Gegenanzeigen der topischen Glukokortikosteroide eingesetzt werden. Auch das ist eine starke Empfehlung mit voller Zustimmung im Konsens.
Reaktiv oder proaktiv: zwei Wege der antientzündlichen Behandlung
Die Leitlinie unterscheidet beim topischen antientzündlichen Vorgehen zwischen reaktivem und proaktivem Management. Reaktiv heißt: das entzündungshemmende Präparat wird auf die betroffene Stelle aufgetragen, wenn ein Schub da ist.
Proaktiv heißt: nach dem Abheilen wird an den zuvor betroffenen Stellen in festem Rhythmus weiterbehandelt. Die Leitlinie nennt dafür in der Regel zweimal wöchentlich, mit einem geeigneten topischen Glukokortikosteroid oder einem geeigneten topischen Calcineurininhibitor. Ob das im Einzelfall angezeigt ist, entscheidet die behandelnde Praxis.
Was in beiden Fällen gleich bleibt: die Basistherapie läuft weiter. Sie wird durch die antientzündliche Behandlung nicht ersetzt.
Die Reihenfolge: erst Cortison, dann Basispflege – oder umgekehrt?
Diese Frage kommt regelmäßig, und die belastbare Antwort ist unbequemer als die kursierenden Faustregeln.
In einer älteren, inzwischen überholten Fassung der Leitlinie heißt es, topische Glukokortikosteroide würden in der Regel zeitlich befristet oder als Intervalltherapie eingesetzt – und ausdrücklich: fixe allgemein anerkannte Schemata gibt es nicht. Dieselbe Fassung nennt die Anwendung in der Regel einmal täglich, in Ausnahmefällen zweimal täglich.
Zu einem festen Zeitabstand zwischen dem antientzündlichen Präparat und der Basispflege liegt uns keine verifizierte Angabe aus einer gültigen Fassung vor, und wir nennen deshalb keine Minutenzahl.
Gesichert ist dagegen: beide Ebenen laufen nebeneinander, die Basistherapie wird während der antientzündlichen Behandlung nicht abgesetzt, und Emollienzien sollen unmittelbar nach dem Baden oder Duschen und nach dem Trockentupfen aufgetragen werden.
Wo rezeptfreies Hydrocortison endet
Rezeptfrei erhältliches Hydrocortison ist in Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung genau umgrenzt. Ausgenommen von der Verschreibungspflicht sind Zubereitungen für den äußeren Gebrauch in einer Konzentration bis zu 0,25 % in Packungsgrößen bis 50 g sowie in einer Konzentration von über 0,25 bis zu 0,5 % in Packungsgrößen bis 30 g – letztere ausdrücklich „zur kurzzeitigen (maximal zwei Wochen andauernden) äußerlichen Anwendung zur Behandlung von mäßig ausgeprägten entzündlichen, allergischen oder juckenden Hauterkrankungen“.
Drei Dinge folgen daraus für die Neurodermitis. Die Rezeptfreiheit ist an mäßig ausgeprägte Befunde gebunden – ein ausgeprägter Schub ist damit nicht gemeint. Sie ist in der höheren Stufe auf zwei Wochen begrenzt. Und sie sagt nichts darüber, wo aufgetragen werden darf: die Leitlinie behandelt Gesicht, intertriginöse Areale und Anogenitalbereich als besondere Lokalisationen, an denen sie topische Calcineurininhibitoren nennt.
Die vollständigen Regeln und Grenzen stehen im Beitrag zu rezeptfreiem Cortison. Für eine chronische Erkrankung wie die atopische Dermatitis ist der Punkt aber schon hier klar: eine rezeptfreie Creme ist eine Überbrückung, kein Behandlungskonzept.
Die Ausnahme gilt zudem nur, sofern auf Behältnis und äußerer Umhüllung eine Beschränkung der Anwendung auf Erwachsene und Kinder ab dem vollendeten sechsten Lebensjahr angegeben ist – für jüngere Kinder ist rezeptfreies Hydrocortison nicht vorgesehen.
Zwei Ebenen, eine Reihenfolge
-
Basistherapie
Wann: dauerhaft, bedarfsgerecht und regelmäßig
Was: wirkstofffreie Emollienzien
Auftragezeitpunkt: unmittelbar nach Baden oder Duschen und Trockentupfen
Auswahl: im Sommer hydrophiler, im Winter fettreicher; ohne relevante Reizstoffe und Kontaktallergene
Rezeptfrei möglich?: ja
-
Antientzündliche Behandlung im Schub
Wann: zusätzlich, wenn die Basistherapie nicht ausreicht
Was: in der Regel topische Glukokortikosteroide; an besonderen Lokalisationen topische Calcineurininhibitoren
Auftragezeitpunkt: nach ärztlicher Vorgabe
Auswahl: ärztliche Entscheidung nach Lokalisation und Schweregrad
Rezeptfrei möglich?: nur eingeschränkt: Hydrocortison bei mäßig ausgeprägtem Befund, höhere Stufe max. zwei Wochen
Was im Alltag hilft
Direkt nach dem Duschen eincremen. Die Leitlinie nennt genau diesen Zeitpunkt – unmittelbar nach dem Baden oder Duschen und nach dem Trockentupfen.
Zwei Texturen im Schrank haben. Im Sommer hydrophiler, im Winter fettreicher – das ist ausdrücklich Teil der Empfehlung und keine Marketingidee.
Reizstoffe und Kontaktallergene meiden. Bei Pflegeprodukten ist die Zusammensetzung wichtiger als die Auszeichnung auf der Vorderseite.
Die Basispflege im Schub nicht absetzen. Die antientzündliche Behandlung kommt dazu, sie ersetzt die Basistherapie nicht.
Bei Kindern nach Basistherapeutika mit Arzneimittelstatus fragen. Die Leitlinie sieht deren Verordnung bis zum zwölften Lebensjahr vor.
Häufige Fragen
Welche Creme im Schub, welche im Intervall?
Im Intervall läuft die Basistherapie mit wirkstofffreien Emollienzien. Im Schub kommt eine antientzündliche Behandlung dazu – nach der Leitlinie in der Regel topische Glukokortikosteroide, an besonderen Lokalisationen topische Calcineurininhibitoren. Die Basistherapie wird dabei fortgeführt.
Wie lange darf man Cortison anwenden?
Für rezeptfreies Hydrocortison über 0,25 bis 0,5 % nennt Anlage 1 AMVV eine maximal zweiwöchige Anwendung bei mäßig ausgeprägten Hauterkrankungen. Für verschreibungspflichtige Präparate gilt die ärztliche Vorgabe.
Darf Cortison ins Gesicht?
Die Leitlinie behandelt Gesicht, intertriginöse Hautareale und den Anogenitalbereich als besondere Lokalisationen und nennt dort topische Calcineurininhibitoren. Das ist eine ärztliche Entscheidung.
Reicht Basispflege allein?
Die Leitlinie sieht die Basistherapie als dauerhafte Grundlage vor. Reicht sie nicht aus, kommt eine antientzündliche Behandlung hinzu; das Behandlungskonzept soll individuell erstellt werden.
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Quellen
- S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (AD) [Neurodermitis; atopisches Ekzem], Deutsche Dermatologische Gesellschaft u. a., AWMF-Register-Nr. 013-027, Version 4.5 mit Teilaktualisierung 2025, Stand 25.02.2026, gültig bis 15.06.2028; Leitlinienkoordination Prof. Dr. Thomas Werfel. register.awmf.org – starke Empfehlungen zur regelmäßigen und bedarfsgerechten Anwendung von Emollienzien und zum Auftragen unmittelbar nach Baden oder Duschen; individuell angepasste Externa nach Jahreszeit; schonende Reinigungs- und Badeverfahren; Pflegeprodukte ohne relevante Reizstoffe und Kontaktallergene; topische Glukokortikosteroide in der Regel als First-line-Therapie und topische Calcineurininhibitoren an besonderen Lokalisationen; Juckreiz als besondere Herausforderung; offene Empfehlung zu antipruriginösen und antiseptischen Wirkstoffen; Verordnung wirkstofffreier Basistherapeutika mit Arzneimittelstatus bei Kindern bis zum zwölften Lebensjahr; individuelles Behandlungskonzept. Hinweis zur Versionszuordnung: Die hier zitierten Empfehlungen zur Basistherapie und zur First-line-Therapie entstammen der Fassung von 2023; die Angabe zur Verordnung wirkstofffreier Basistherapeutika der Fassung 4.5. Vor Veröffentlichung ist zu bestätigen, dass die zitierten Empfehlungen in Version 4.5 unverändert gelten.
- Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV), Anlage 1 (zu § 1 Nr. 1 und § 5), Bundesministerium der Justiz / Bundesamt für Justiz. gesetze-im-internet.de – Ausnahmen von der Verschreibungspflicht für Hydrocortison und seine Ester zum äußeren Gebrauch: bis 0,25 % in Packungsgrößen bis 50 g sowie über 0,25 bis 0,5 % in Packungsgrößen bis 30 g zur kurzzeitigen, maximal zweiwöchigen Anwendung bei mäßig ausgeprägten entzündlichen, allergischen oder juckenden Hauterkrankungen.
- Neurodermitis, ältere Fassung der Leitlinie, Deutsche Dermatologische Gesellschaft, AWMF-Register-Nr. 013-027. dermaostschweiz.ch – Einteilung topischer Glukokortikosteroide in vier Wirkstärkeklassen; Wirkmechanismus über die Hemmung der Aktivierung von NF-kB und der Bildung entzündungsfördernder Zytokine; Anwendung in der Regel einmal täglich; Einsatz zeitlich befristet oder als Intervalltherapie, ohne fixe allgemein anerkannte Schemata; „Kortisonangst" als Grund verminderter Adhärenz. Hinweis: überholte Fassung, ausschließlich für die hier zitierten Aussagen herangezogen und gegen Version 4.5 abzugleichen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt nicht den Besuch bei Arzt oder Apotheker. Er stellt keine Handlungsempfehlung für den Einzelfall dar. Im ärztlichen Bereitschaftsdienst erreichen Sie Hilfe unter 116117, im Notfall unter 112.