Halsschmerzen: Lutschtablette, Spray oder Gurgeln — was wirkt?
Halsschmerzen: Lutschtablette, Spray oder Gurgeln – was wirkt? Die hausärztliche S3-Leitlinie gibt eine Rangfolge vor: befeuchtende Lutschtabletten und solche mit Lokalanästhetika oder NSAR kann sie anbieten, von antiseptischen und antibiotikahaltigen rät sie ausdrücklich ab. Hier steht, welche vier Wirkprinzipien im Regal stehen, was die Leitlinie zu jedem sagt und woran Sie merken, dass Halsschmerzen ärztlich gehören.
Akute Halsschmerzen verlaufen in der Regel selbstlimitierend, die Beschwerdedauer liegt bei etwa einer Woche, und das Risiko für behandelbare Komplikationen ist gering. Die S3-Leitlinie der hausärztlichen Fachgesellschaft trifft für die örtliche Behandlung eine klare Unterscheidung zwischen den Wirkprinzipien.
Was normalerweise passiert
Für das Beratungsgespräch nennt die Leitlinie zwei Größen, die den meisten Menschen fehlen, wenn sie vor dem Regal stehen: der Verlauf ist selbstlimitierend mit einer Beschwerdedauer von etwa einer Woche, und das Risiko für behandelbare Komplikationen liegt bei etwa 1 bis 1,5 Prozent.
Daraus folgt die Logik der ganzen Leitlinie. Wenn die Erkrankung von allein ausheilt und Komplikationen selten sind, ist das Ziel einer Behandlung die Linderung der Beschwerden – nicht die Abkürzung des Verlaufs um jeden Preis. Die Leitlinie formuliert das für Antibiotika sogar ausdrücklich: bei Patienten ab drei Jahren mit akuten Halsschmerzen ohne Warnzeichen ist das Ziel einer antibiotischen Behandlung in Ländern wie Deutschland, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden die Verkürzung der Dauer von Krankheitssymptomen und nicht die Vermeidung von Komplikationen.
Wenn eine antibiotische Therapie ärztlich erwogen oder von Patientenseite erwartet wird, arbeitet die Leitlinie mit klinischen Scores – Centor, McIsaac, FeverPAIN. Bei einem Score von 2 oder weniger sollte ausschließlich eine symptomatische Therapie angeboten werden. Bestimmungen des Antistreptolysin-Titers und anderer Streptokokken-Antikörper-Titer sollen bei akuter und rezidivierender Tonsillopharyngitis nicht durchgeführt werden.
In diese Scores gehen ärztlich erhobene Kriterien ein – unter anderem Fieber in der Anamnese, deutliche Rötung und Schwellung der Mandeln sowie das Fehlen von Husten und Schnupfen. Das sind Merkmale der ärztlichen Einschätzung und keine Warnzeichen zur Selbstbeobachtung.
Die vier Wirkprinzipien im Regal
1. Nicht-medikamentöse, befeuchtende und schleimhautschützende Lutschtabletten. Sie enthalten keinen pharmakologischen Wirkstoff und legen einen Film auf die gereizte Schleimhaut. Diese Gruppe kann die Leitlinie als Lokaltherapeutikum anbieten. Produkte dieser Art sind je nach Zusammensetzung als Medizinprodukt eingeordnet, nicht als Arzneimittel.
2. Lutschtabletten mit Lokalanästhetika. Sie betäuben die Schleimhaut örtlich. Auch diese Gruppe kann nach der Leitlinie angeboten werden. Einzelne dieser Zubereitungen sind erst ab einem bestimmten Alter zugelassen; die Angabe steht in der Packungsbeilage.
3. Zubereitungen mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Sie wirken örtlich schmerzlindernd und entzündungshemmend. Diese Gruppe kann die Leitlinie ebenfalls anbieten.
4. Lutschtabletten mit Lokalantiseptika und/oder Lokalantibiotika. Hier ist die Leitlinie eindeutig: das Lutschen medizinischer Lutschtabletten mit Lokalantiseptika und/oder Antibiotika zur lokalen Schmerzlinderung soll nicht empfohlen werden. Dazu passt, was die Leitlinie zum Ziel einer antibiotischen Behandlung sagt: bei Patienten ab drei Jahren mit akuten Halsschmerzen ohne Warnzeichen ist es die Verkürzung der Dauer von Krankheitssymptomen und nicht die Vermeidung von Komplikationen.
Das ist die praktisch wichtigste Information dieses Artikels, weil sie der Regalordnung widerspricht: die auffälligsten Packungen gehören häufig zu Gruppe 4.
Vier Wirkprinzipien und die Aussage der S3-Leitlinie
-
Wirkprinzip: Befeuchtend, schleimhautschützend
Wirkstoffe / Art: ohne pharmakologischen Wirkstoff; häufig Medizinprodukt
Aussage der Leitlinie: kann als Lokaltherapeutikum angeboten werden
-
Wirkprinzip: Lokalanästhetika
Wirkstoffe / Art: Lutschtabletten mit Lokalanästhetikum
Aussage der Leitlinie: kann als Lokaltherapeutikum angeboten werden
-
Wirkprinzip: NSAR, örtlich
Wirkstoffe / Art: Lutschtabletten und Sprays mit NSAR
Aussage der Leitlinie: kann als Lokaltherapeutikum angeboten werden
-
Wirkprinzip: Lokalantiseptika / Lokalantibiotika
Wirkstoffe / Art: Zubereitungen mit Lokalantiseptikum oder Lokalantibiotikum
Aussage der Leitlinie: soll nicht empfohlen werden
-
Wirkprinzip: NSAR, systemisch
Wirkstoffe / Art: Ibuprofen, Naproxen
Aussage der Leitlinie: bei starken Schmerzen als symptomatische Therapie genannt
Sprays, Gurgeln und Hausmittel
Die Leitlinie bewertet die Studienlage zur örtlichen Behandlung insgesamt zurückhaltend. In der Leitliniensynopse heißt es zu Lokalanästhetika und lokalen Antiseptika in Form von Rachensprays, Lutschtabletten und Gurgellösungen, dass sie bisher keinen gesicherten Effekt gezeigt haben. Am besten belegt sieht die Leitlinie den Nutzen von Lutschtabletten mit Lokalanästhetika und/oder NSAR.
Für Salbei, Honig, Salzwasser-Gurgeln und warme Halswickel gilt: das sind traditionell angewendete Hausmittel. Verifizierte Wirksamkeitsaussagen von Behörden oder Fachgesellschaften liegen uns dazu an dieser Stelle nicht vor, und wir tragen sie nicht aus zweiter Hand nach.
Wenn zusätzlich Husten dazukommt, ist die Wirkstoffgruppe eine andere Frage – dazu steht das Nötige in unserem Beitrag zu Reizhusten und produktivem Husten. Kommen die Halsschmerzen durch abfließendes Sekret aus den Nebenhöhlen, lohnt der Blick in den Beitrag zur Sinusitis.
Was im Alltag hilft
-
Auf die Wirkstoffgruppe schauen, nicht auf die Packung. Die Zusammensetzung steht auf jeder Schachtel. Antiseptikum oder Lokalantibiotikum ist die Gruppe, von der die Leitlinie abrät.
-
Bei starken Schmerzen systemisch denken. Die Leitlinie nennt für starke Schmerzen NSAR wie Ibuprofen oder Naproxen – nicht die stärkere Lutschtablette.
-
Die Woche als Maßstab nehmen. Etwa eine Woche Beschwerdedauer ist der in der Leitlinie genannte Erwartungswert. Das macht die Entscheidung leichter, nichts weiter zu unternehmen.
-
Drei bis vier Tage als Kontrollpunkt setzen. Keine Besserung oder Verschlechterung in diesem Zeitraum ist der von der Leitlinie genannte Anlass zur erneuten Vorstellung.
-
Altersgrenzen prüfen. Einzelne Lutschtabletten mit Lokalanästhetika sind erst ab einem bestimmten Alter zugelassen. Die Angabe steht in der Packungsbeilage.
Häufige Fragen
Welche Lutschtabletten empfiehlt die Leitlinie?
Als Lokaltherapeutika können nach der S3-Leitlinie sowohl nicht-medikamentöse Lutschtabletten als auch medikamentöse Lutschtabletten mit Lokalanästhetika und/oder nichtsteroidalen Antirheumatika angeboten werden.
Warum rät die Leitlinie von antiseptischen Lutschtabletten ab?
Das Lutschen medizinischer Lutschtabletten mit Lokalantiseptika und/oder Antibiotika zur lokalen Schmerzlinderung soll nach der Leitlinie nicht empfohlen werden.
Wie lange dauern Halsschmerzen?
Die Leitlinie nennt für die Beratung einen selbstlimitierenden Verlauf mit einer Beschwerdedauer von etwa einer Woche und ein Risiko von etwa 1 bis 1,5 Prozent für behandelbare Komplikationen.
Wann sind Antibiotika sinnvoll?
Das ist eine ärztliche Entscheidung. Wird eine antibiotische Therapie erwogen, sieht die Leitlinie klinische Scores vor – Centor, McIsaac, FeverPAIN; bei einem Score von 2 oder weniger sollte ausschließlich eine symptomatische Therapie angeboten werden. Streptokokken-Antikörper-Titer sollen dabei nicht bestimmt werden.
Hilft Gurgeln?
Zu Lokalanästhetika und lokalen Antiseptika in Form von Rachensprays, Lutschtabletten und Gurgellösungen heißt es in der Leitliniensynopse, dass sie bisher keinen gesicherten Effekt gezeigt haben. Hausmittel wie Salbei oder Salzwasser sind traditionell angewendet; belastbare Wirksamkeitsaussagen liegen uns dazu nicht vor.
Nächster Schritt
Welches Erkältungsthema betrifft Sie gerade?
Vergleichen Sie Präparate und Preise pro Einheit über die Partner-Apotheken auf Onfy.
Produkte vergleichenAbgabe über eine unserer Partner-Apotheken.
Quellen
- Halsschmerzen, S3-Leitlinie, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), AWMF-Register-Nr. 053-010, DEGAM-Leitlinie Nr. 14, Stand 10/2020, redaktionell geändert 12/2021. register.awmf.org – selbstlimitierender Verlauf mit etwa einer Woche Beschwerdedauer und Komplikationsrisiko von etwa 1 bis 1,5 Prozent; Empfehlung 9.3 zu nicht-medikamentösen und medikamentösen Lutschtabletten mit Lokalanästhetika und/oder NSAR; Empfehlung 9.4, wonach Lutschtabletten mit Lokalantiseptika und/oder Antibiotika nicht empfohlen werden sollen; NSAR wie Ibuprofen und Naproxen bei starken Schmerzen; Ziel einer antibiotischen Behandlung; klinische Scores Centor, McIsaac und FeverPAIN; keine Bestimmung von Streptokokken-Antikörper-Titern; Red Flags und Kriterien für HNO-Vorstellung und Klinikeinweisung. Hinweis: die im AWMF-Register hinterlegte Fassung ist als abgelaufen gekennzeichnet; eine gültige Nachfolgefassung ist vor Veröffentlichung zu prüfen.
- Leitliniensynopsen Halsschmerzen, Anhang A, DEGAM, zur S3-Leitlinie AWMF-Register-Nr. 053-010. degam.de – Aussage, dass Lokalanästhetika und lokale Antiseptika als Rachensprays, Lutschtabletten und Gurgellösungen bisher keinen gesicherten Effekt gezeigt haben; kein Wert der Streptokokken-Antikörper-Titer-Bestimmung.
- Halsschmerzen, S3-Leitlinie – Kurzversion, DEGAM, AWMF-Register-Nr. 053-010k, Stand 10/2020, red. geändert 12/2021. register.awmf.org – tabellarische Zusammenfassung der Empfehlungen 9.3 und 9.4, der Red Flags, der Kriterien für HNO-Vorstellung und Klinikeinweisung sowie des Hinweises auf Wiedervorstellung nach drei bis vier Tagen. Hinweis: wie die Langversion im Register als abgelaufen gekennzeichnet.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt nicht den Besuch bei Arzt oder Apotheker. Er stellt keine Handlungsempfehlung für den Einzelfall dar. Im ärztlichen Bereitschaftsdienst erreichen Sie Hilfe unter 116117, im Notfall unter 112.